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Artikel aus Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 2015

Ein Sakko für den Kapitän

von Jutta Czeguhn

Zeichen der Seriosität und des Zusammengehörigkeitsgefühls, Mittel der Abgrenzung: Ulrike Schoeller entwirft Uniformen im Auftrag der Deutschen Bahn und des ADAC – schicke Dienstmode

Haidhausen – Auf einem Flug nach New York, an Bord der Delta-Airlines-Maschine, kommt eine Frau den Gang entlang balanciert, in der Hand eine Kanne. "Arbeiten Sie hier?", fragt ein Passagier und hält ihr zögernd seinen Pappbecher hin. Das Crew-Mitglied reagiert lieb erstaunt: "Aber natürlich, Sir, darf ich Ihnen heißes Wasser nachschenken?" Ulrike Schoeller lacht hell auf, als man ihr die Anekdote erzählt. Eine Stewardess, die für einen Passagier gehalten wird.Da muss etwas schiefgelaufen sein mit dem Kabinen-Outfit. Die Designerin kennt sich aus mit dem Runway der Lüfte, hat einmal für die Lufthansa gearbeitet. Heute ist sie ihre eigene Chefin und auf "Corporate Fashion" für Konzerne wie die Deutsche Bahn oder den ADAC spezialisiert. "Unternehmensbekleidung" – im Deutschen hört sich das Wort eher nach durchgeschwitzten Polyacryl-Kitteln an. Schoeller selbst hat kein Problem, die Dinge beim Namen zu nennen: Sie kreiert Uniformen.

Über Airline-Kollektionen sind Buchmeter geschrieben, viele funkelnde Designer-Namen tauchen da auf: Dior oder Christian Lacroix bei Air France, Valentino bei der TWA, Strenesse bei Lufthansa. Ein weites Feld, darüber könnte man mit Ulrike Schoeller wahrscheinlich Stunden plaudern. Vor allem auch über die praktische Seite des Metiers, die 38-Jährige hat den Insider- Blick. Als sie für einen Dienstleister die Lufthansa betreut hat, gehörte es zu ihrem Job, die schmalen Strenesse-Silhouetten schnitttechnisch der Arbeitswelt des Kabinen-Personals anzupassen. Das Seriös-Image einer Fluglinie bekäme gehörig Kratzer, wenn beim Verstauen des Bordgepäcks die Bluse aus dem Rockbund rutscht oder beim Kapitän das Blau seines Sakkos nicht zu dem der Hose passt.

Gleichschritt, Mao-Look, Hierarchie – beim Wort "Uniform" kommen viele Assoziationen. Im besten Fall verleihen sie ihrem Träger Seriosität. Ulrike Schoeller kann noch einiges mehr aufzählen: Uniformen sind Mittel der Abgrenzung gegenüber anderen, tragen zur Erkennbarkeit nach außen bei, erzeugen ein Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen, sind eine Zurschaustellung von Tradition und Moderne. Die staatlichen Sicherheitsorgane, die Airlines – das sind die Institutionen, die der Laie am ehesten mit Uniformen in Verbindung bringt. Doch normierte Dienstkleidung begegnet einem überall im Alltag, beim Bäcker, im Schnellrestaurant, bei den Leuten von der Putzkolonne. Derzeit arbeitet Ulrike Schoeller an einem neuen Outfit für den ADAC, der sich nach den Skandalen auch optisch ein anderes Image geben möchte, wie die Designerin sagt. So soll in den Reisebüros des Automobil-Clubs künftig die Farbe Weiß dominieren, Pilotregion ist Südbaden. Die Belegschaft konnte sich bislang kleiden, wie sie wollte, damit soll nun Schluss sein. Schoeller zeigt ihre Skizzen: Weiße Hemden, Blusen, Hosen, Röcke, darüber dunkle Blazer. Das traditionelle Gelb findet sich nur noch in Details. Sie will nicht ausschließen, dass auch einmal die "Engel der Straße" in ähnlichem Chic daherkommen.

Das Büro von Schoellers Firma "Corporate Fashion Design" liegt in einem Hinterhof am Haidhauser Johannisplatz. Auf dem Fußboden liegen keine Stoffreste, nach Nähmaschinen sucht man vergebens. Zur Ausstattung gehören ein Schreibtisch mit Computer, eine Regalwand, ein Kleiderständer mit den neuen Modellen, ein Besprechungstisch. Ulrike Schoeller, eine zierliche Person, trägt selbst auch so etwas wie eine Arbeitsuniform: Ein schwarzes Kleid, schlicht, knapp über dem Knie, die blonden Haare sind hochgesteckt, seriös, aber nicht zu streng. Wo ist das kreative Chaos, das man mit der Fashion-Welt verbindet?

Würde man Ulrike Schoeller bitten, einen Reißverschluss oder ein Futter einzunähen, hätte sie kein Problem damit. Sie ist gelernte Bekleidungsschneiderin mit klassischem Werdegang: Nach der zehnten Klasse geht sie vom Gymnasium ab, besucht die Berufsfachschule in Nürnberg, bekommt nach dem Abschluss einen Studienplatz an der Modeschule in München. Sie lernt dort, wie man Schnitte an der Schneiderpuppe erstellt. Und bekommt in einem Workshop bei Triumph Gelegenheit, "in die Wirtschaft reinzuschnuppern". Sie kreiert eine marktreife Unterwäschelinie. Doch dann kommt ein Job-Angebot vom Verkaufssender und Online-Vermarkter QVC. Schoeller entwirft T-Shirt-Kollektionen mit Swarovski-Steinen. Die nächste Station ist der Münchner Edel-Schneider Escada, dessen harte Krisenjahre sie miterlebt.

Der Schritt weg von der Haute Couture in den Dienstleistungssektor fällt ihr deshalb nicht allzu schwer. Bei der Arbeit für den Lufthansa-Logistiker lernt sie viel für die spätere Selbständigkeit und fühlt sich endlich dort angekommen, wo sie schon immer hinwollte: "Ich hatte nun greifbare Kunden, keine fiktiven, die ich mir ausdenken muss und die alle Kleidergröße 32 tragen." Heute entwirft sie Mode, die in Workshops mit den Mitarbeitern auf ihre Tauglichkeit im täglichen Arbeitsprozess abgestimmt wird und die den Leuten auch gefallen soll. Sie hat Großkunden wie die Deutsche Bahn, die Hannoverschen Verkehrsbetriebe oder das Deutsche Jugendherbergswerk.

Einzukleiden sind Busfahrer, Triebfahrzeugführer, Zugbegleiter, Leute hinterm Schalter. "Die Bahn hat die meisten Berufsgruppen", erzählt sie. Die Kleidung muss funktional sein für Menschen, die an zugigen Bahnhöfen stehen und jene, die in stickigen Abteilen die Fahrscheinekontrollieren. Von der Outdoor-Jacke bis zur Mütze oder Feinripp-Unterwäsche ist alles dabei. Es sind Frauen und Männer, Alte und Junge, Schlanke und Dicke. Da können sich Stücke schon mal im höheren Konfektionsbereich von Größe 60 bewegen. Mit dem Maßband kann man die 40 000 Bahner oder die 1200 Mitarbeiter der Hannoverschen Verkehrsbetriebe nicht alle vermessen, da kommen Bodyscanner zum Einsatz. "Die wenigsten wissen, dass es Lang- und Kurzgrößen, Bauchgrößen gibt", erzählt die Designerin.

So wird jede Dienstuniform zu einer Art Maßanzug. Was wiederum die Zahl der Produktionsstätten überschaubar macht. Denn den Spagat zwischen hohen Stückzahlen und sehr individuellen Anfertigungen für Sondergrößen bekommt nicht jederhin. "Ich rate meinen Auftraggebern zu Lieferanten in Ländern in Litauen, der Ukraine oder Weißrussland", sagt Ulrike Schoeller. Da könne sie sich schnell ins Flugzeug setzen und Kontrollbesuche machen, wenn es Probleme gibt. In Asien sei das nicht ohne weiteres möglich. "Für mich kommen als Partner nur jene in Frage, die nachweisbar ökologisch und ethisch gut arbeiten, Ökozertifikate sind das Mindeste", sagt sie. Wenn die Kunden Allergien auf die Stoffe entwickeln würden, wäre das verheerend.

Zu Schoellers Job gehört nicht nur die Entwicklung von Kollektionen samt Logistik und Vertrieb, auch Materialkunde, das Experimentieren mit Hightech-Textilien interessiert sie sehr. Antistatisch, bügelfrei, robust sollten die Stücke sein, bei dem, was die Kunden mit den Stücken alles so anstellten. "Die waschen Blazer bei 60 Grad, und am besten geht’s damit auch noch in den Trockner."

Vorbehalte gegenüber Dienstkleidung, den Uniformen, erlebt Ulrike Schoeller immer wieder. Natürlich sei das Thema besetzt. Sie selbst sieht das Praktische. Mit der Uniform könne man am Abend auch die Arbeit abstreifen, sagt sie. Und als Mutter eines sechsjährigen Sohnes und Lehrergattin hätte sie auch nichts gegen Schuluniformen. Azubis hätten ihr berichtet, dass sie mit Uniform ernster genommen würden. Dienstkleidung könne den sozialen Status eines Menschen heben. "Ich weiß von einem Bahnmitarbeiter, der ist in seiner Uniform zur Beerdigung seiner Schwester gegangen, denn einen anderen Anzug hatte er nicht."

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